Kosovo

“Kosovo – der jüngste Staat Europas”
Delegation der Rotarier Bensheim-Heppenheim zeigt sich tief beeindruckt von den schwierigen Lebensbedingungen im Kosovo und erfolgreichen Hilfsprojekten 

Wie sehen die Lebensbedingungen in diesem jüngsten Staat Europas aus? Welche ethnischen und religiösen Konflikte hemmen die wirtschaftliche Entwicklung dieses Landes? Welche sozialen Projekte kann der Rotary Club Bensheim-Heppenheim unterstützen?

Diesen Fragestellungen nachzugehen und die aktuelle Situation im Kosovo zu erleben, bewog eine Delegation des Rotary-Clubs Bensheim-Heppenheim zu einer Reise in den Kosovo. Geleitet wurde die Gruppe von Dr. Paul-Ludwig Nelles und seiner Frau Sabine, die mehrere Jahre im Kosovo gelebt hatten. Dr. Nelles hat die Entwicklung des Kosovo zu einem souveränen Staat in führenden Positionen miterleben und mitgestalten können.

Durch zahlreiche Kontakte mit Politikern, Künstlern, Klerikern, Ingenieuren und Industriellen aber auch Angehörigen unterschiedlicher Minderheiten konnte ein aktuelles Bild der kosovarischen Gesellschaft und ihrer vielfältigen Probleme gewonnen werden.

Kosovo 2012

Bei dem Besuch des Bergbau- und Hüttenkombinates „Trepca“ im Nordkosovo wurden der Bensheimer Delegation die Probleme deutlich, die vor einer vollen Souveränität des Kosovo zu lösen sind. In der an Serbien angrenzenden Region Mitrovica erkennt die serbische Minderheit die staatlichen Symbole des Kosovo nicht an, so dass während eines Stopps das Autokennzeichen gewechselt werden musste. Da die Serben den neuen Staat nicht akzeptieren, sind sie nicht bereit, Steuern zu bezahlen und zu kooperieren, so dass sich in diesen Regionen parallele Strukturen und eine parallele Währung entwickelt haben.

Dies gilt auch für die serbischen Enklaven im Kosovo, die von den internationalen K(osovo) for(ces) Soldaten geschützt werden, so dass die Teilnehmer der Reise unter anderem auch eine Ausweiskontrolle durch italienische Soldaten beim Besuch des orthodoxen Klosters Visoki Dečani erleben konnten.

Die Republik Kosovo wird, so das Resümee von Ilir Salihu, dem Chef des Präsidialbüros der Präsidentin der Republik Kosovo, noch lange der internationalen Unterstützung bedürfen, um die Entwicklung zur staatlichen Einheit voranzutreiben. Die Regierung richte, da sie den Kosovo als Teil Europas erachte, ihre Hoffnungen und den Blick auf die Integration in Europa und damit auch auf die Unterstützung der Europäischen Union bzw. der in ihr zusammengeschlossenen Länder. Unter diesen hebe sich die Bundesrepublik Deutschland in besonderer Weise hervor, was nicht nur die militärische Präsenz im Kfor- Kontingent angehe, sondern auch die Vielzahl von Aktivitäten – nicht nur staatlicher, sondern auch in hohem Maße nichtstaatlicher Einrichtungen wie Kirchen, Stiftungen etc. – deutliche mache.

Der erste Eindruck, den die Besucher aus Bensheim erhielten, ist der einer einzigen Baustelle. In den letzten Jahren wurden rasch neue Häuser oder gar ganze Siedlungen aus dem Boden gestampft, deren Konzeption und Errichtung wohl allen möglichen Kriterien folgen mag, nur nicht denen einer koordinierten Stadtplanung oder Leitorientierung im ländlichen Bereich. Alles, so scheint es, ist sehr dem Zufall überlassen.

Ein weiterer Eindruck ist, dass junge Menschen das Stadtbild bestimmen. Über die Hälfte der Bevölkerung des Kosovo ist jünger als 25 Jahre, so dass das Land das niedrigste Durchschnittsalter in Europa aufweist. Das stellt das Bildungssystem des Kosovo vor ungeheuerliche Aufgaben, da für alle Kinder und Jugendlichen adäquate Bildungschancen bereitgestellt werden müssen.

Dies kann nicht ohne Hilfe von außen bewältigt werden und so stand der Besuch von zwei Bildungseinrichtungen auf dem Besuchsprogramm der Rotarier, die mit deutscher Unterstützung aufgebaut wurden.

In Prizren im Südkosovo besuchte die Reisegruppe das humanistische Loyola-Gymnasium, das von dem Jesuitenpater Walter Happel, einem Absolventen des Bensheimer AKG,  im Auftrag von der Solidaritätsaktion deutscher Katholiken Renovabis 2005 gegründet wurde. Ziel des Gymnasiums ist es, der Jugend des Kosovo eine Perspektive zu bieten und die junge Generation des Kosovos bei der Selbstfindung als Gemeinschaft und als Teil Europas zu unterstützen. Die Kinder und Jugendlichen, die zum großen Teil durch den Krieg traumatisiert wurden, sollen lernen, unabhängig von Herkunft und Religion friedlich miteinander zu leben.

Damit auch Kinder außerhalb Prizrens das Gymnasium besuchen können, wurden von Anfang an ein Internat für Mädchen und ein Internat für Jungen angeschlossen. Insgesamt 600 Schüler besuchen zurzeit das Gymnasium, wobei laut Pater Happel darauf geachtet wird, dass die Hälfte der Plätze für Mädchen reserviert wird.

Die Basis für die Entwicklung der Kinder am Loyola-Gymnasium ist Bildung, sie ist der Schlüssel für ihre Zukunft. Um Schüler dieser Schule zu werden, muss ein schriftlicher Test bestanden werden, zu dem sich jedes Jahr doppelt so viele Schüler bewerben, wie aufgenommen werden können.

Die Bundesrepublik Deutschland unterstützt über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen dieses „Leuchtturmprojekt“. Selbstverständlich gilt auch für das Loyola Gymnasium der im Kosovo übliche Lehrplan, der jedoch um die Fremdsprachen Deutsch und Latein ergänzt wurde.

Somit können die Schüler neben der Hochschulreifeprüfung des Kosovo auch die Prüfungen für das Deutsche Sprachdiplom ablegen und damit die Voraussetzung für ein Studium in Deutschland schaffen.

Die Besucher erkannten, dass dieses erfolgreiche Projekt nur durch das große Engagement von Walter Happel zu realisieren war und bewunderten seine Energie sowie den illusionslosen Blick auf die zahlreichen ungelösten Probleme des Landes.

Anschließend besuchte die Delegation aus Bensheim zusammen mit Dr. Sigrid Maurer und Thomas Westermann von der Karl-Kübel-Stiftung eine Einrichtung zur Förderung von benachteiligten Roma-Kindern, die im Rahmen des kürzlich angelaufenen Projekts der Karl Kübel Stiftung in Ko-Finanzierung mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt wird.

Die Delegation der Rotarier hatte dabei die Gelegenheit, die Aktivitäten im Zentrum kennenzulernen und mit den Kindern und Roma-Familien in direkten Kontakt zu treten. Die prekäre ökonomische Lage, das Problem der Einschulung und Wiedereingliederung von Kindern, vor allem von rückkehrenden Roma aus Westeuropa in das kosovarische Schulsystem, der generell schlechte Gesundheitszustand und die erschütternde Wohnsituation der Roma waren zentrale Themen des Besuchs.

Das von der Karl Kübel Stiftung geförderte Vorhaben greift diese Problemfelder auf und sieht eine Reihe von Maßnahmen vor, mit dem Ziel, die Integration der Roma-Gemeinschaft in vier Kommunen im Westen und Süden Kosovos zu fördern. Dies erfolgt zum einen über Bildungsmaßnahmen wie Vorschulunterricht, Nachhilfe- und Sprachunterricht sowie integrative und interkulturelle Aktivitäten im Schulumfeld. Hinzu kommen Maßnahmen zur Verbesserung der familiären und gesundheitlichen Situation der Roma, vor allem der Frauen und Kinder durch die Qualifizierung von Roma-Gesundheitsvermittlern sowie Gesundheitsaufklärung und –Erziehung für die Zielgruppe. Das dritte Maßnahmenpaket zielt auf die Qualifizierung und Stärkung der beteiligten örtlichen Roma-Organisationen und Gemeinschaftszentren ab, sowie auf Lobbyarbeit auf zentraler und lokaler Ebene zur Berücksichtigung von Integrationsmaßnahmen in den Kommunalplänen.

Mit dem Projekt möchte die Stiftung einen Beitrag leisten zur Verbesserung des Zugangs der Roma zu Bildung, Gesundheit und sozialer Wohlfahrt als wesentlicher Schritt zur Sicherstellung einer breiteren Beteiligung und sozialen Eingliederung der Roma in die kosovarische Gesellschaft.

Insbesondere die Besuche bei den Roma-Familien waren für die Rotarier beeindruckend und erschütternd zugleich. Dabei trafen sie einige deutschsprachige Re-Emigranten an, die im Rahmen von Rückkehrabkommen für Angehörige der Roma aus der Schweiz und aus Deutschland in ein Land zurückkommen, das ihnen keine berufliche Perspektive oder Bildungschancen bieten kann.

Ohne substanzielle Verbesserungen der Bildungschancen für die Roma-Kinder werden ihnen dauerhaft die Integration in die kosovarische Gesellschaft aber auch ihre persönlichen Entwicklungsperspektiven vorenthalten.

„Bildungschancen zu verbessern und die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern sind die beiden Fundamente für eine hoffnungsfrohe und stabile Zukunft für das Land. Wir als Rotarier werden uns bemühen, einen mehr als symbolischen Beitrag nach unserem Vermögen dafür zu leisten“ fasste Dr. Nelles die Eindrücke der Gruppe zusammen.

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